Mönninger Prof. Dr., Michael: Helden des Alltags (aus Beamten-Magazin 08/2010)

Helden des Alltags

Der Kunsthistoriker Professor Dr. Michael Mönninger über den Überlebenskampf in deutschen Klassenzimmern

Wenn Eltern zweifeln, ob ihre Kinder gute Lehrer haben, können sie sich mit Bertolt Brecht trösten. Der schrieb einmal ein flammendes Lob auf schlechte Schulen und böse Erzieher. Denn die hätten ihn mit ihrer Willkür und Ungerechtigkeit schon früh auf die Härte des Erwachsenenlebens vorbereitet, in dem es nicht nett zugehe, sondern der Klassenkampf tobe. Um die Wertschätzung des Lehrerberufs steht es trotz PISA-Schocks nicht gut. Altkanzler Schröders Wort von den „faulen Säcken" findet immer noch zustimmendes Gelächter. In der Reihe der Traumberufe sind Pädagogen ähnlich vom Mythos zur Folklore herabgesunken wie zuletzt Piloten und Stewardessen. Auch das intellektuelle Renommee von Lehrern schwächelt. Lang ist es her, dass Schulmeister zu Geistesgrößen aufstiegen, wie es bei den Gymnasiallehrern und späteren Welthistorikern Ranke, Droysen, Mommsen oder Spengler der Fall war. Über Lehrer also nichts Gutes? Im Gegenteil: Selbst wenn ein Gespräch über gute Pädagogen ein Schweigen über viele schlechte einschließt, so ist es höchste Zeit, diesem schweren Beruf einmal mit Pauken und Trompeten allerhöchstes Lob zu singen: Lehrer und Lehrerinnen sind Helden des Alltags, Pioniere der Lebensbewältigung, Experten für alle Daseinsfragen und einsame Vorkämpfer für Erweckungserfahrungen. Aus der bloßen Konsumentenperspektive eigener Schulerfahrungen kann niemand ermessen, was der tägliche Nahkampf mit zwei, drei Dutzend lebendiger Wesen bedeutet, die respektiert, interessiert, angeleitet und motiviert werden müssen. Unterricht sollte man sich als die intensivste Live-Erfahrung vorstellen, für die es selbst in unserer überkommunikativen Palaverkultur keinen Vergleich gibt. Kein Politiker oder Showmaster würde jeden Tag fünf- bis sieben Stunden auf Sendung gehen – und das ohne den Begleitschutz von Referenten, Ghostwritern und Claqueuren. Zudem müssen Lehrer jeden Morgen von Neuem das unerschütterliche Urvertrauen ins Klassenzimmer mitbringen, dass alle Menschenkinder – trotz ihrer klingelnden Handys und quadratförmigen Spielkonsolenaugen – von Natur aus gut sind und vor Neugier platzen. Wer diesen
Grundoptimismus nicht hat, der wird Störmanöver und Desinteresse der Zöglinge schnell persönlich nehmen und in eine Abwärtsspirale der negativen Aufmerksamkeit gerissen, an deren Ende nervöse Zerrüttung und Vorruhestand stehen. An Frühpensionierungen für kampferprobte Polizisten und Militärs stört sich kaum jemand. Aber ausgebrannte Lehrer mit vergleichbarer Fronterfahrung gelten als Drückeberger. Man erspare sich pathetische Reden über die schicksalsbestimmende Rolle der Pädagogen. Es genügt, beim nächsten Elternabend weniger laut Klage zu führen und neuen Grundrespekt vor den Helden des alltäglichen Klassenkampfes zu entwickeln. Wenn das auf die Kinder abfärbt, können sich sogar die schlechten Lehrer noch bessern.

Quelle: Beamten-Magazin 08/2010

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