Kistler Prof. Dr., Ernst: Good Practice kostet Geld (aus Beamten-Magazin 11/2009)

Good Practice kostet Geld

Prof. Dr. Ernst Kistler über Maßnahmen des alter(n)sgerechten Arbeitens

Schon seit 15 Jahren wird verkündet, die „demografische Wende“ am Arbeitsmarkt stünde unmittelbar bevor. Aber weder hat sich die Arbeitslosigkeit wie erwartet reduziert noch ist ein Mangel an Fach- oder generell an Arbeitskräften eingetreten – und er wird auch so nicht eintreten. Was als Fachkräftemangel propagiert wird, hat eher etwas mit stagnierenden (Aus-)Bildungsinvestitionen, zu wenig Weiterbildung und mit schlechten Arbeitsbedingungen und unattraktiver Bezahlung zu tun – auch im öffentlichen Dienst. Die demografische Herausforderung besteht vielmehr darin, dass das Erwerbspersonenpotenzial altert. In Teilen des öffentlichen Dienstes gibt es schon heute eine starke (Über-)Alterung. Auch im öffentlichen Dienst hängt es stark von der Tätigkeit (und der Qualifikation) ab, ob man diese bis 65 ausüben kann – geschweige denn länger. Sinnvoller als die „Rente mit 67“ ist das „finnische Konzept“: Zuerst müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, durch die die Beschäftigungsquote Älterer erhöht werden könnte. Maßnahmen des alter(n)sgerechten Arbeitens sind in der Privatwirtschaft sehr selten und im öffentlichen Dienst auch nur etwas häufiger anzutreffen. Besserung ist kaum in Sicht. Im Kern geht es um Gesundheitsprävention, Kompetenzentwicklung und Aspekte der Motivation, von der Personalentwicklung über die Bezahlung bis zum Führungsverhalten. Zu nächst sind detaillierte Analysen und Modellprogramme nötig. Allerdings kann Good Practice aus der Privatwirtschaft nicht unbesehen auf den öffentlichen Dienst übertragen werden. Dennoch ist es im öffentlichen Dienst etwas leichter, entsprechende Maßnahmen zu initiieren. Aber das kostet Geld. Laut Mikrozensus sind vorzeitige Erwerbsaustritte in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst weniger eine Folge einer „Frühverrentungsmentalität“ der Beschäftigten als vielmehr von kaputtmachender Arbeit und Altersdiskriminierung (das betrifft nicht nur Dachdecker,
sondern auch Beschäftigte in Straßenmeistereien, in der Kranken- und Altenpflege, in Kindereinrichtungen und viele mehr). Eine Erhöhung der Regelaltersgrenze, die nicht nach Tätigkeiten differenziert, würde die Schwächsten am stärksten treffen und zu einem massiven Anstieg des bereits heute in Westdeutschland überdurchschnittlichen Anteils Älterer (Rentner) unterhalb der Armutsrisiko schwelle führen.

Quelle: Beamten-Magazin 11/2009



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